Seit bald 20 Jahren kooperiert der Kölner Kreidekreis mit dem Bethanien Kinder- und Jugenddorf in Bergisch Gladbach. Elvira Killat ist dort seit als Erziehungsleitung tätig und gibt einen Einblick in die Zusammenarbeit.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit zwischen den Patinnen und Paten des Kölner Kreidekreises und Ihren Wohngruppen-Teams?
Elvira Killat: Die Patinnen und Paten sind zuverlässig, sie halten die Absprachen ein, agieren sehr sensibel und fühlen das Tempo des Kindes. Sie sind sehr bemüht um einen guten Austausch und um eine reflektierte Zusammenarbeit mit den Pädagoginnen und Pädagogen. Wir spüren, dass sie auf ihre Aufgabe gut vorbereitet wurden.
Zum Beispiel gab es einmal ein Patenkind, das eine Zeitlang emotional sehr beansprucht war: Immer wieder folgten auf gute Phasen die Tiefen, die Patin wurde zum Teil weggestoßen oder mit Vorwürfen überschüttet. Die Patin blieb im Austausch mit den Pädagoginnen und Pädagogen, und sie blieb an der Seite des Kindes. Mittlerweile wohnt das Kind in einer anderen Einrichtung, sogar in einer anderen Stadt. Die Patin ist weiter an seiner Seite und geht auch diesen Weg mit. Inzwischen kann das Patenkind das auch wieder gut annehmen.
Während der ganzen Zeit hat sich die Patin gegenüber allen Akteuren nicht anmerken lassen, wie herausfordernd die Begleitung war, sie begegnete dem Kind immer wieder mit Geduld und Vertrauen – mithilfe der Pädagoginnen und Pädagogen und mit Hilfe der Beratungsangebote des Kölner Kreidekreises war das möglich.
Generell erleben wir, dass die Patinnen und Paten in Krisenzeiten sehr unterstützend agieren. Sie nehmen zum Teil auch an Krisengesprächen teil, telefonisch, via Videokonferenz oder in Präsenz. Ihre Wahrnehmungen sind wichtig für uns, und wir sind dankbar für den Austausch.
Welche Veränderungen sehen Sie bei den Kindern und Jugendlichen?
Die Kinder und Jugendlichen sind sehr stolz, sie sind glücklich, eine Patin oder einen Paten an der Seite zu haben. Die besondere gemeinsame Zeit wird sehr wertgeschätzt. Es ist ein bisschen so, als wären die Patenschaften wie eine Insel, auf die sich die Patenkinder zurückziehen können, wenn der Alltag um sie herum herausfordernd wird.
Die Verlässlichkeit der Patenschaft ist eine wichtige Konstante für die Kinder und Jugendlichen. Sie hilft den emotional belasteten jungen Menschen, sich in ihren Aufs und Abs nicht völlig zu verlieren. Diese Kontinuität bleibt auch erhalten, wenn Bezugspädagoginnen und Bezugspädagogen einmal wechseln oder das Patenkind in eine andere Gruppe umzieht. Das ist eine wertvolle Erfahrung und ein wichtiges Signal. Und über die Jahre ist dieses Grundvertrauen so sehr gewachsen, dass es die jungen Menschen befähigt, ihr Leben später eigenständig und selbstbestimmt zu bewältigen.
Welche Herausforderungen gibt es in der Begleitung?
Gute Kommunikation ist elementar – und genauso wichtig ist der manchmal notwendige Perspektivwechsel, denn natürlich kann es zu unterschiedlichen Sichtweisen von Erziehern und Erzieherinnen auf der einen sowie Patinnen und Paten auf der anderen Seite kommen. Es ist menschlich, dass Meinungen darüber, was für einen jungen Menschen gut ist, auseinanderklaffen. Wenn es dann gelingt, dass die Situation aus einer anderen Sichtweise betrachtet werden kann, hilft das sehr. Da haben die Patinnen und Paten, aber auch unsere Kolleginnen und Kollegen schon viel voneinander lernen können.
Die Patenschaften beginnen oftmals vor dem Hintergrund, dass die Kinder und Jugendlichen keinen Kontakt zu ihrer Kernfamilie haben. Es kommt dennoch vor, dass sich das im Laufe der Patenschaft ändert und leibliche Eltern oder auch andere Verwandte den Kontakt zum Kind wieder suchen. In solchen Situationen kann es gerade bei den Patinnen und Paten zu Rollenkonflikten kommen, was für die Patenkinder eine herausfordernde Situation darstellt. Und diese herausfordernden Situationen erfordern dann natürlich eine sensible Begleitung.
Welche Chancen ergeben sich aus der Patenschaft für das Kind oder den Jugendlichen?
Bei allen größeren Veränderungen in der Biografie der jungen Menschen ist die konstante Wegbegleiterpatenschaft ausgesprochen wertvoll. Besonders bemerkbar macht sich das während des Übergangs in die Selbstständigkeit, wenn die jungen Erwachsenen die Wohngruppe in der Einrichtung verlassen und ihren Alltag allein meistern müssen. Junge Erwachsene mit einem Paten oder einer Patin können wesentlich besser mit dieser Situation umgehen – sie sind nicht auf sich allein gestellt. Es gibt jemanden, der proaktiv auf sie zukommt und danach fragt, wie es ihnen geht und sie auch in ihrem neuen Leben unterstützt.
Wir erleben, dass die Kinder gerade bei den früh begonnenen Patenschaften grundsätzlich selbstbewusster, resilienter sind. Das ist eine gute Basis für das Erwachsenwerden. Die Kinder und Jugendlichen haben einen Vertrauensmenschen an ihrer Seite, der sie stärkt, und dieser eine Vertrauensmensch macht einen Unterschied!
Das Gespräch führte Ute Wiedemeyer, Geschäftsführerin des Kölner Kreidekreises. Es ist 2026 als Teil des Fachbeitrags „Ehrenamtliche Wegbegleiterpatenschaften: Der Kölner Kreidekreis lässt kein Kind allein“ im Buch „Hochintensive Betreuungen und systemisch herausgeforderte Hilfesettings – zwischen Notwendigkeit, Überforderung und Verantwortung“ (Hrsg. Björn Hagen) in der Reihe „Theorie und Praxis der Jugendhilfe“ des Evangelischen Erziehungsverbandes e. V. (erev) erschienen.