„Bindung verstehen – Kinder mit schwierigen Erfahrungen begleiten“: Unter dieser Überschrift stand Ende November unser Themenabend für Patinnen und Paten, den die bindungsbasierte Beraterin und Therapeutin Sylwia Bocianski leitete. Auch einige Interessierte, die demnächst eine ehrenamtliche Patenschaft für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene übernehmen möchten, nahmen teil.
In den Patenschaften begegnen wir zahlreichen jungen Menschen, die im Leben verschiedenste negative Erfahrungen gemacht haben und dadurch oftmals traumatisiert sind: Fehlende Fürsorge der Eltern, Vernachlässigung oder auch Abwesenheit eines oder beider Elternteile sind nur ein paar Beispiele. Sie alle haben eines gemeinsam: Diese Erfahrungen wirken sich maßgeblich negativ auf das Sicherheitszentrum des Kindes und sein Bindungsmuster aus.
Denn Kinder suchen nach Nähe, Sicherheit und Beruhigung. Erhalten sie diese nicht, wird ihr Stresssystem belastet und ein inneres Arbeitsmodell entwickelt, das Auswirkungen darauf hat, wie sie Menschen begegnen, ob sie ihnen vertrauen oder misstrauen und wie sie ihre Emotionen regulieren können.
Die Erfahrungen, die Kinder machen, prägen sie maßgeblich. „Dabei sichern sie sich immer die Bindung zu ihrer primären Bezugsperson“, machte Sylwia Bocianski klar, „auch wenn das bedeutet, dass die Bindung als solche oder das Bindungsmuster nicht gut für das Kind ist.“ Denn Bindung sei ein lebenslang fortbestehendes Grundbedürfnis des Menschen. Sei das Kind unsicher oder desorganisiert gebunden, so seien Verhaltensweisen wie Rückzug, Kontrolle oder Aggression keine Seltenheit. „Dieses Verhalten ist Ausdruck eines Schutzmechanismus‘ und einer Überlebensstrategie – und nicht eines bösen Willens“, sagte Bocianski.
Weitere typische Verhaltensmuster dieser Kinder sind eine Nähe-Distanz-Ambivalenz, emotionale Abflachung oder auch extreme Anpassung. Was dabei hilft? Eine klare Haltung und ein Verhalten seitens des Erwachsenen, das für das Kind vorhersehbar ist. Zudem geben Rituale und Struktur Sicherheit. Wichtig sind daneben eine wohlwollende Kommunikation und das gleichzeitige Setzen von Grenzen. Das Verhalten der Kinder sollte „übersetzt“ statt bewertet werden. Man darf sich immer wieder die Frage stellen: „Was möchte mir das Kind damit sagen?“
Mit Blick auf die eigene Selbstfürsorge gilt: Nur wer sich selbst gut reguliert, kann Kinder gut co-regulieren. Denn nur wer sich innerhalb seiner eigenen Stresstoleranzkurve befindet, hat die Möglichkeit, die Emotionen des Kindes zu regulieren. Daher sollten eigene Gefühle und Grenzen immer wahr- und ernstgenommen werden. Es kann auch hilfreich sein, sich im Bedarfsfall Unterstützung einzuholen oder den Austausch mit anderen zu suchen.
Bindungsmuster sind veränderbar – aber nicht allein für sich
Zum Abschluss stellte die Referentin klar, dass Bindungsmuster veränderbar sind. Schwere Bindungsstörungen könne man zwar kaum komplett heilen, aber durch ein sicheres Angebot und Wiederholungen könnten Bindungsunsicherheiten abgeschwächt werden. Aus der Resilienzforschung sei bekannt, dass Personen, wie beispielsweise unsere Patinnen und Paten, eine wichtige Ressource für die Kinder sind. Die ehrenamtlichen Wegbegleiter können maßgeblich zu diesen Verbesserungen beitragen; für die Veränderung von Bindungserfahrungen braucht es aber immer zwei Personen: Man kann diese nicht allein bewältigen und verändern.